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Web 2.0 Triebkraft des Internets

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Die «Weisheit der Massen» als Triebkraft des Web 2

Die Internet-Nutzer, die ihr Wissen und Können gratis zur Verfügung stellen, wurden von der Redaktion des «Time Magazine» zur «Persönlichkeit» des Jahres gewählt. Es ist dies ein Hinweis darauf, dass die Demokratisierung der Innovation noch nichts an Schlagkraft eingebüsst hat.

Seit 1927 kürt das amerikanische «Time Magazine» jeweils Ende Jahr die Persönlichkeit des Jahres, die - im Guten oder im Schlechten - den Weltenlauf am stärksten beeinflusst hat. Die Liste umfasst Präsidenten (Richard Nixon), Päpste (Johannes XXIII.), Diktatoren (Adolf Hitler, Joseph Stalin), Bürgermeister (Rudolph Giuliani), Königinnen (Elisabeth II.), Gewerkschaftsführer (Lech Walesa), Revolutionsführer (Ayatollah Khomeiny) und Wirtschaftsführer (Bill Gates, Andy Grove). Das Titelbild der jüngsten Ausgabe des «Time Magazine» zeigt die Persönlichkeit des Jahres 2006: Es ist ein leerer Computerbildschirm und das Wörtchen: «You». Das heisst: Ich, du, er, sie - wir alle, die wir am Internet teilhaben, bilden zusammen die «Persönlichkeit» des Jahres.

Zurück zu den Anfängen

Was die Redaktoren des «Time Magazine» an der Gesamtheit der Internet-Nutzer so schätzen, ist, dass diese Rezipienten grösstenteils auch Produzenten sind, die ihr Wissen und Können, ihre Intelligenz und ihre Kreativität der Internet- Öffentlichkeit gratis zur Verfügung stellen. Sicher, auf einige dieser Beiträge, auf Belanglosigkeiten oder Boshaftigkeiten, würde man gerne verzichten, es gibt aber neben Kochrezepten und Partnerinseraten, neben Hasspredigten und Terror-Propaganda auch eine Fülle höchst nützlicher Informationen.
Nichts demonstriert besser die kollektive Intelligenz des Internets als die Wikipedia, das Online-Nachschlagewerk, das in mehreren Dutzend Sprachen Beiträge zu insgesamt mehr als vier Millionen Stichworten versammelt. Alle Beiträge sind das Resultat der Zusammenarbeit von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die Wikipedia als Web-2.0-Applikation zu bezeichnen, verbietet sich, denn das Online-Nachschlagewerk ist älter als der aktuelle Gebrauch des Begriffs Web 2.0. Das, was heute mit Web 2.0 assoziiert wird, galt bereits dem Schöpfer des Web 1.0 als primäres Entwicklungsziel: Tim Berners-Lee wollte ein Medium schaffen für Zweiwegkommunikation, für Interaktion. Aber bereits lange vor der Erfindung des Web und lange bevor Medienunternehmen sich mit der Idee des Online-Publishing zu beschäftigen begannen, diente das Internet als Medium für den Wissensaustausch unter gleichberechtigten Partnern. Im Hinblick auf diese Nutzungsweise wurde beispielsweise das Usenet aufgebaut, das ab 1979 als eine Art schwarzes Brett Fragen und Antworten zu populären Themen sammelte und weltweit zugänglich machte.

Demokratisierung der Innovation

1982 bestimmte die Redaktion des «Time Magazine» nicht eine «Person of the Year», sondern eine «Machine of the Year»: den Computer. Es war vor allem der Personalcomputer (PC), der damals Aufsehen erregte. Bereits seien, so berichtet die Zeitschrift, 10 Prozent aller Schreibmaschinen in grossen US-Firmen durch Computer ersetzt worden, es gäbe mehr als 100 000 Computer in amerikanischen Schulen, zunehmend würden Computer auch zu Hause genutzt. Es seien 1982 in den USA von 100 Anbietern 2,8 Millionen Computer verkauft worden. Der Autor des Textes ist offenbar überzeugt, am Beginn einer Revolution zu stehen, auch wenn er Mühe hat, diese Überzeugung zu begründen. «Es ist einfach genug, die Welt zu betrachten und zum Schluss zu kommen, dass der Computer keine grossen Veränderungen bewirkt hat. Aber mit dieser Betrachtungsweise kann man auch zum Schluss kommen, dass die Welt flach ist und die Sonne sich um die Erde dreht.»
2006 wurden weltweit 233,7 Millionen Rechner verkauft, und niemand wird bestreiten wollen, dass so etwas wie eine PC-Revolution stattgefunden hat. Das Revolutionäre ist aber nicht, dass PC technisch hochstehende Produkte sind, die sich in grossen Stückzahlen verkaufen, sondern, dass diese Produkte die Wissensverarbeitung und damit auch die Prozesse der Innovation, deren Früchte sie selber sind, verändern. Es begann in den siebziger Jahren mit dem PC eine Demokratisierung der Innovation, die dazu führte, dass die Rückkopplungsspirale zwischen Innovation und deren Einsatz für weitere Innovationen sich immer schneller drehte.
Der Apple Macintosh, 1984 vorgestellt und mit dem Slogan «the computer for the rest of us» vermarktet, lässt diesen Aspekt sichtbar werden. Er bewährte sich bei der Gestaltung von typographisch anspruchsvollen Drucksachen und ermöglichte das Desktop Publishing. Dann ging es um Multimedia, PC übernahmen die Produktion von Fotos, Video- und Audio-Clips. Dann wurden die PC vernetzt, das Web kam und dann das Web 2.0.

Kollektive Intelligenz

Die Faszination, die vom Begriff Web 2.0 ausgeht, ist mehr als nur die Freude beim Anblick von haufenweise Web-Tagebüchern, Ferienfotos, Partnerinseraten. Die Faszination ergibt sich aus der Vorstellung, dass im Web 2.0 die «Weisheit der Massen» (Buchtitel) sich entfalten kann. Schien in den Anfangszeiten der Massenpsychologie festzustehen, dass Menschen als anonyme Elemente einer Masse zu irrationalem, zerstörerischem Verhalten neigen, wird neuerdings die Vorstellung populär, dass Menschenansammlungen der Intelligenz förderlich sind. Im Web 2.0 soll durch das Zusammenwirken vieler Menschen eine kollektive Intelligenz entstehen, die sehr viel grösser ist als die Summe aller daran teilhabenden individuellen Intelligenzen.
Die Geschäftsmodelle vieler im Web-2.0-Umfeld erfolgreicher Jungfirmen - MySpace oder YouTube, die in diesem Jahr von Google für 1,65 Milliarden Dollar übernommen wurde - basieren auf der Idee, die Weisheit der Massen auszubeuten. Crowdsourcing nennt sich dieser Vorgang, bei dem die Lösung eines schwierigen Problems einem Freiwilligenheer übertragen wird.

Neues Suchverfahren

Jüngstes Beispiel eines Crowdsourcing-Projektes ist eine Unternehmung namens Wikia, die Freiwillige für die Begutachtung von Websites gewinnen möchte, um auf dieser Basis eine Suchmaschine zu betreiben, die wichtige Web-Seiten zuverlässig von unwichtigen unterscheiden kann. Finanziert wurde Wikia unter anderem von Amazon.com, die Ideen stammen von Jimmy Wales, der als treibende Kraft bei der Gründung der Wikipedia bekannt geworden ist. Wikia soll dereinst wie Google hauptsächlich durch Werbung Gewinne erwirtschaften.
Auch die Medienbranche wurde durch das Web 2.0 umgekrempelt. Die Transportkette, die Informationen, ausgehend von Agenturjournalisten, Korrespondenten oder Reportern über Redaktoren und Produzenten, zum Leser bringt, wurde umgebaut, durch Zwischenstufen und Rückkoppelungsschleifen verlängert und durch parallele Transportmechanismen ergänzt. Die Nachrichtenagentur Reuters hat Anfang Dezember Amateure aufgefordert, eigene Bilder oder Videos von Unfällen, Katastrophen oder sonstigen Ereignissen einzuschicken. Die «Bild»-Zeitung hat gemäss eigenen Angaben im abgelaufenen Jahr von sogenannten Leser-Reportern 554 Fotos veröffentlicht und diesen Amateurfotografen insgesamt 330 000 Euro Honorar bezahlt.

Keine Verschnaufpause

Auch wenn die Antriebskräfte des Web 2.0 dieselben sind, die bereits auch schon die Entwicklung des PC vorangebracht haben, so führt doch keine gerade Linie von der «Machine of the Year» 1982 zur «Person of the Year» 2006. Die technologische Entwicklung verlief sprunghaft. Rückblickend staunt man, wie sehr die Informatik, diese Schlüsseltechnologie, alles verändert hat. - Das Innovationstempo dürfte sich in überschaubarer Zukunft nicht verlangsamen. Die Zahl der Firmen, die Computer-Hardware verkaufen, hat sich zwar stark reduziert, und im Bereich der Software dominiert eine einzige Firma monopolartig fast das ganze Geschäft. Dass die Innovation trotzdem nicht einschläft, dafür sorgen Hunderte von Millionen von aktiven Internet-Nutzern - ich, du, er, sie -, wir alle, die wir am Internet teilhaben, die «Persönlichkeit» des Jahres 2006.

Quelle: NZZ, 31. Dezember 2006

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